Die Vision zum Goldenen Zeitalter

 

An der atlantischen Küste Kaliforniens bin ich gefangen in dem Bild eines im  Ozean Abendrots. Bin gefangen im Anblick einer gigantischen Kulisse und eines gegen die Felsen brandenden Meeres. Golden gleißt es in die Ferne hinaus und ich empfinfe plötzlich die Gewißheit nicht allein zu sein. Atome, Moleküle, Kaskaden kosmischer Strahlungen stürzen aus  der Atmosphäre in das Inferno. Ich bin Zeil des gigantischen Rhythmuses, des Atems hier oben, des fließenden Lichts, bin neingebunden in das Anrollen desOzeans, in fortschreitender Dämmerung und fernem Rauschen.Und das endlose Meer unter mir verzögert den Atem, es wird ihn verhauchen, und sich im tausendfachen Schimmer und Glanz avonmachen: dann wird meine Einsamkeit umdüster sein. Ich warte, beobachtenundn lausche.Und das Wesenhafte, das ich immer intensiver wahrneme, hat mich eingekreist! Nun denn, ich bin zum Dialog bereit.

 

„Wer bist du?“ Meine Frage ist stumm, ziellos, ist wie ein in das vergehende Licht gestellter Gedanke.

„Für dich gewiß bin ich ein rätselhaftes Wesen“, kommt die Antwort in meine Eingeschlossenheit.

„Ist nicht alles Rätselhafte auch wesenhaft?“ Stellt sich mir die Frage als Gedanke dagegen.

„ Natürlich! Zu bedenken ist nur, daß sich Wesenhaftes auch sehr deutlich vom Wesenhaften unterscheidet.“

„Und welchen bedeutenden Unterschiedes kannst du dich rühmen?“

„Eines grundlegenden natürlich“, bekam ich zur Antwort.

„So, so, eines grundlegenden also. Ich bin wißbegierig!“

„O, das ist schon ein wesentlicher Vorzug, den du dir sehr wohl zugute rechnen kannst. Er zeichnet dich aus gegen andere“, kam es anerkennend zurück.

„Warum schweifst du ab? -  Erkläre mir erst die Wendung:  Gegen wen könne mir irgendwas zugute gehalten werden?“

„Gegen Wille und Verstand, Begier und Selbstsucht und gegen den Weg in die Hölle. War nicht die Wißbegier die erste sich fortbildende Kraft in der Substanz des Verstandes? Zwar ein Ansatz nur, der halbwegs - ich betone halbwegs und zögerlich - zur Ausbildung der Einsicht geführt hat? Es machte schlummernde Kräfte frei für den Einzug des Gemüts in die Seele, die dort seßhaft werden und Kräften entgegenwirken konnte, die unsere Existenz gefährdet. Siehe, der Untergang war nicht fern und die Gradwanderung hält an - schon Jahrtausende.“

„Du meinst, das Gemüt ist von solch bedeutender Kraft?“

„Erst sie machte Platz  für Sehnsucht, für Tanz und Gesang; prägte Neigung, Lust und Hang  das Schöne zu empfinden, es in seelische Regung zu kleiden, anregendes im Bilde festzuhalten  und alle Herrlichkeit der Phantasie für das Schöne zu entwickeln, um letztendlich am Schaffen des goldnes Zeitalters beteiligt zu sein.“

„Wie schön du das sagst, aber ist nicht das andere, das goldene Zeitalter der Menschheit insgesamt ein Traum geblieben?

„Aber dennoch ein Schritt nach vorn. Schon allein die schwärmerische Idee läßt uns erkennen, wonach wir uns sehnen. Es ist denkbar, daß es das goldene Zeitalter nicht gegeben hat, aber auch denkbar, daß es auf sich warten läßt. Es stimmt ja, Friedlosigkeit und Herrschsucht konnten immer noch nicht bezwungen werden. Untaten erhielten in Überlieferungen den deutlichen Vorzug.“

Ich schwieg. Der Glanz war inzwischen in die Weite des Meers entflohen. Am Fuße des Felsens phosphorizirten jetzt sanfter auflaufende Wellen. Schließlich gab ich weiter zu bedenken:

„Nun erkläre mir aber den grundlegenden Unterschied deines Wesens zu einem gegenwärtig existenten.

„Geduld mein Freund, Geduld, dir fällt es leichter mich zu verstehen, wenn ich dich an die Größe der griechischen Kunst heranführe, die ja den ersten nennenswerten Ansatz zum goldenen Zeitalter schuf.“

„Ein schöne Illusion“, warf ich ein.

„Oho, die olympische Höhe eine Illusion? Ein Geschenk der Götter eine Illusion? Sie veredelten das Bewußtsein, sie gaben den Anstoß zu vorzüglichen Übungen, die ja Erziehung  und Anstand, ja Würde und Anmut zum Gehalt des Geistes machten, sie weckten seelische Kräfte, sie beflügelten harmonische Anlagen, weckten Freude und Bewunderung am Körper. Wie wunderbar die Nacktheit, die jugendliche Frische und  die unbefangene Freiheit, die Selbstzucht. Fast schon genug für den Beginn des goldenen Zeitalters. Ich denke, du erkennst den Unterschied verschiedener Wesen?“

„Trotzdem, eine schöne Illusion“, erwiderte ich, „ Polymedes, einer der ersten unter vielen, wie auch Phidias, der Gigant und Genius, dessen Werke bis auf den heutigen Tag nicht übertroffen sind,  - sind sie nicht gescheitert?“

„Gescheitert? Ja,  jedoch nicht in der künstlerischen Größe, als vielmehr an der Gier und Brutalität und der Zügellosigkeit des Banausentums. Nachfolgende Generationen wandten sich ab von den Heiligtümern der Altvorderen und verkamen seelisch zu Monster. Sie waren nicht in der Lage den Werten der Kunst die rechte Bedeutung beizumessen.“

Es reihten sich Fragen ohne Ende. Schon kündigte sich überm Kontinent die Morgendämmerung an. Der Ozean graute, rauschte heftiger, ein wenig übernächtigt und fröstelnd machte ich mich zurück ins Hotel. Auf meine entscheidende Frage, ob das goldene Zeitalter noch lange auf sich warten lasse, erhielt ich zur Antwort: Unentwegt mutiere es im aufrecht gehenden Wesen, der Verstand aktiviere mehr und mehr an Substanz, zwar um ein geringes nur, aber in nicht ferner Zukunft werde die Einsicht davon profitieren und Unfriede und Herrschsucht nicht mehr möglich sein. Das könnte dann der Anfang eines goldenen Zeitalters sein.

 


 

 [MC2]