Spekulative Zurückbesinnung

 

Besser kann es gar nicht kommen... mit ihrem unumstößlichen Ordnungsprinzip sucht die Natur dem sich begierlich drängendem Liebesverlangen zum Erfolg zu verhelfen und den Keimling zu befruchten. Gelingt ihr das, so übernimmt sie alle weiteren Prozeduren und Vorgehensweisen eine Schwangerschaft einzuleiten. Und weiter ist ihr daran gelegen, dem Ordnugsprinzip zu folgen und den befruchteten Keim so rasch wie möglich in die stets vorgehaltene, behagliche Nestwärme einzubringen. Dort ist er schon mal sicher; und kann sich einstweilen seines ersten Erfolges erfreuen gar bald am Leben teilzunehmen. Zwischenzeitlich mixt das absolut „Unumstößliche die bestimmte Menge eines Elixiers“ und dosiert es zur Entwicklung des erfolgreichen Keimlings, der alsdann angefeuert, auch rasch zum Fötus reift. Nirgendwo kann er besser geborgen sein. Hier wird er im Fluss der Säfte in Atem gehalten, und bekommt schon mal die Anlagen zugeteilt, weiblich oder männlich zu werden. Da hat er ausreichend Muße bis die Zeit gekommen ist als voll ausgebildetes Individuum dem Licht des Lebens dargereicht zu werden. An ihm vollzog sich ein perfekt inszenierter Schöpfungsakt, ein Wunder wohl auch. Nicht Erfinder, nicht Zauberer können da mithalten.

Aber dort, wo am Ende dann die Schöpfung als Letztes die Geburt eingeleitet hat, beendete es auch ihr ganzes, Procedere. Das bis dahin umsorgte Wesen findet sich preisgegeben, gerät in Panik, und begreift nichts. Uns ist der Schock schon verständlich, den es erleidet. Wer kann den Augenblick schon glücklich schätzen, wo man ihm alles nimmt, ihn von der Versorgung abnabelt und seine kurze Existenz durch die fragwürdige Enge ins Ungewisse, schiebt, sie presst und die Brutalität den Augenblick eines enttäuschenden Höhepunkt durchleben läßt. Unsereiner könnte meinen, jemand hat die Katze aus dem Sack gelassen, hat diese erbarmungswürdige Unschuld gefoppt, es vor vollendete Tatsachen gestellt. Aber siehe da geschieht doch was - das erste Abenteuer kaum überstanden baumelt es kopfunter und bekommt Klatsche auf den kleinen Po. Es schreit, was das Zeug hergibt und vergisst den Schock.

Wir dagegen sagen, das war notwendig, das ist die erste heilsame Handlung an Babys, eine schicksalhafte Vorbereitung auf die Zukunft. Unverblümt gab man dem ahnungslosen Wesen Bescheid, womit es künftig zu rechnen haben wird... Aber, aber, gemach, gemach. Auf diese Weise werden seit Urzeiten neu ankommende Erdenbürger begrüßt! Wie sonst, sollte man sie mit den neuen Wirklichkeiten auch bekannt machen, mit der sie künftig ganz gewiss zu tun bekommen werden.

Ich dagegen denke mal, der Augenblick, wo die Panik zur Verzweiflung wird, wird jedes Leben das Gefühl bekommen, dass es sterbe. Der Sturz aus der himmlischen Geborgenheit in eine absolute Hilflosigkeit gleicht einem Sturz ins Nichts. Und das dauert und dauert. Und dann kommt der Klaps auf den Po, und das Bad, und die gewärmte Windel. Und dann die Geräusche, die Stimme der Mutter so anders am Ohr; ihre Lippen berühren so zart ihm die duftende Wange, und überall Duft und Atem und Pochen - ganz so wie eben noch dort in der Wärme - aber doch anders, viel klarer der Puls, das pochende Herz. Ach ja, und dann doch die vertraute Stimme, das Lachen, so überströmend, so bebend, so warm und innig, ja glückselig. Ja, da ist er ja wieder, der Himmel, da ist sie ja wieder, die Geborgenheit, o wie das mich versöhnte.

Aber dann in der Folge der Menschwerdung die ich erfahren habe, in der die Welt in mir Erwartungen setzte, und eine inneren Stimme mich bei all meinem Tun und Lassen auf mich belehrend einredete. Und dann war plötzlich die Sehnsucht erwacht, die Hinwendung zum andern Geschlecht und der Wissensdrang, alles was ein Leben ganz schön durcheinander bringen kann. Was war es denn, das da in mir geschlummert hatte, sich mir von der Schönheit abrupt abnabelte?

Am schlimmsten ist wohl doch die Sehnsucht, sie läst sich nicht erklären, sie ist ein Teil von mir und sie ist stimmlos, unruhig, drängend. Und das andere sind die Bilder in mir. Ohne Unterlass drängen sie sich im Kopf, erinnern mich unentwegt daran, dass ich denke. Und dann stand mir das Gewissen zur Seite, über mich nachzudenken. Da war die fragende Stimme, und das Fragen nahm kein Ende. Seitdem funktioniert es. Das Leben ist in einem Netzwerk eingebunden und wem es gefällt, dem sprudelt es. Man sagt: „Wes das Herz voll ist, dem läuft der Mund über.“ Ich kann immer wieder dort Zuhause sein, wo ich herkomme, kann Bilder sehen, mich berühren lassen und... und. und.

 

Der Übergang in die erlebnisreiche Kindheit und Jugendzeit

 

Aber immer wieder ist die Umwelt da, die Dörfer, der Strom, die lange Dorfstraße mit den schattenden Birken. Ach, und die Höfe, alle kann ich sie nennen, Häuser, Stallungen, Scheunen, Schuppen im Geviert der Gebäude, ebenso unsere Zufahrt vom Hof zur Dorfstraße. Es reihen sich prächtige Bilder hinter Zäunen, Hecken und Baumkronen, die ganze Romantik eines Dorfes, die unvergessene Kindheit, die Heimat, die schönste Zeit in meinem Leben... nicht vergessen, die Obstgärten. Diese Blütenpacht, diese Ernten Jahr um Jahr an Honig, an Früchten der Kirschen, Birnen. Äpfel, Pflaumen. Die Auffahrt zum Hof zwischen schattiger Linde und knorriger Eiche. Eingezäunte Gärten und überall Ziehbrunnen. Der Blick die Dorfstraße hinauf. Der Blick über Weiden und Wiesen zum Strom. Erlen und Weiden hoben sich über mannshohe Schilfstände in Buchten des Stroms. Wenn der Dampfer („Vorwärts“) zwischen Wiesen den Strom hinauf schipperte, dümpelten bauchige Kartoffelkähne, und in den nahen Buchten, schwellte Welle und Sog die privaten Anlegestellen bis zur Dorfstraße hinauf. Dann kescherten wir eifrig nach betäubten Fischen, es eilte, nur wenige Minuten hielt der Schock. Unweit legte der Dampfer, entlud seine Fracht und kehrte zurück. Der Strom aber schlängelte sich fort in engen Windungen hin, einer dunkelnden Parklandschaft zu. Zwischen Schilf und Gebüsch eilte er hinauf ins höhere Land, an Wiesen in Waldschneisen vorbei, die in absoluter Stille dem Schnitter entgegenreiften und stolz schreitende Störche die gesegnete Ernte an Fröschen einfing.

Ich denke, erlebte Faszinationen der Umwelt gravieren unvergessliche Bilder in romantisch empfindende Gemüter, dort finden sich Fundgruben für rundliche Geschichten, Gesänge und Gedichte über die unvergessene Heimat.

Joseph Eichendorf hat es mir aus der Seele gesungen:

 

Mir ist, als müsst ich singen

So recht aus tiefer Lust

Von wunderbaren Dingen,

Was niemand sonst bewusst.

 

O könnt ich alles sagen!

O wär’ ich recht geschickt!

So muss ich still ertragen,

Was mich so hoch beglückt