VHS Kierspe                                                              12. Oktober 2013

Ernst Schmidt

 

                                       Dialog mit Friedrich Nietzsche

 

 

"Schreibe mit Blut, und du wirst erfahren, daß Blut Geist hat!" - Ein Satz, ein Fels in der Brandung. Eine wegweisende Empfehlung Friedrich Nietzsches dem einsam Schaffenden Autor in der  unendlichen  Sphäre einer egozentrischen Gedankenwerkstatt. Dieser Gedanke Nietzsches bestätigt dem Leser, daß Leidenschaft  sich in Sprache und Ausdruck widerspiegeln, und  daß Disziplin der Deutlichkeit dient, sie ist Friedrich Nietzsches Besonderheit, sie bereichert die deutsche Literatur, sie macht Nietzsche zum Gigant..

 

Was ist denn so markant an der Sprache diesen Mannes?

 

Ein Beispiel,  ein Zitat für viele aus dem fünften Buch  " Die fröhliche Wissenschaft". Dort heißt es zum Thema - Moral als Problem:

"Der Mangel an Person rächt sich überall; eine geschwächte, dünne, ausgelöschte, sich selbst leugnende und verleugnende Persönlichkeit taugt zu  keinem guten Dinge mehr - sie taugt am wenigsten zur Philosophie."

 

Welche Philosophie ist da gemeint?

Friedrich Nietzsche antwortet: - Gewöhnlich strebt man darnach, für alle Lebenslagen und Ereignisse eine Haltung des Gemüts, eine Gattung von Ansichten zu erwerben.

Etwas eindeutiger dann: Ich zitiere: - "In Genua hörte ich zur Zeit der Abenddämmerung vom Turme her ein langes Glockenspiel: das wollte nicht enden und klang wie unersättlich an sich selber über das Geräusch der Gassen in den Abendhimmel und die Meerluft hinaus, so schauerlich so kindisch zugleich, so wehmutsvoll. Da gedachte ich der Worte Platos und fühlte auf einmal im Herzen: Alles Menschliche insgesamt ist des großen Ernstes nicht Wert.

 

Fortlaufend wird der Leser zum Nachdenken gezwungen, und der Autor suggeriert das Denken, denn es  verändert die Welt.  Anderseits ist da nicht zu überhören, daß da von einer Besorgnis die Rede ist, von der herrschenden Gedankenlosigkeit. Die Geschichte ist bedroht.  Wird sie sich in der Weise fortentwickeln, dann wäre damit der Rückschritt der Gesellschaft programmiert. Bewegte den Friedrich Nietzsche nicht schon damals die Sorge, die wir schon längst mit ihm teilen sollten?

 

Dann lese ich die herbe Kritik: "Ihr habt den Weg vom Wurme zum Menschen gemacht, und vieles ist in Euch noch Wurm. Einst wart ihr Affen, und auch jetzt noch ist der Mensch mehr Affe als irgendein Affe. Das sind Konsequenzen. Immer noch Konsequenzen einem Volke, dem Bildung abhanden kommt.

 

Wahrlich die Sprache, das Werkzeug der Autoren ist der Treffsicherheit im Besonderen unterworfen, es gilt die Höhen des treffenden Ausdrucks herauszustellen. Im "Zarathustra" hat Nietzsche  Gedankenflügen des Geistes vollbracht, die ihresgleichen suchen. Mit wenigen Worten werden Bilder vollendeter Schönheit gezeichnet. Gedanken, Gefühle, Ausblicke, Natur, Kritiken, Betrachtungen, werden schonungslos analysiert zurechtgerückt, und durch Rhythmus und Klang im Satzgefüge zum Wohlklang des Schlichten erhoben. Es ist einfach ergötzlich sich der Schönheit darin zu ergeben. Bewundern muß man dieses erregte Herz, das überfließt. Das ihn da heißt, noch schlichter, noch knapper, noch klarer, anschaulicher, und immer noch treffsicherer, ja überzeugender, kraftvoll und lebendig zu schreiben.

 

Die Tatsache der Umwertung aller Werte in seiner Schaffenszeit gab ihm Flügel. Seine streitbare, leidenschaftlich bewegende Kraft, forderte ihn regelrecht heraus, die  Polarisierung der modernen Geisteshaltung zum Geist der Tragödie,  zum Geist der Verherrlichung des Griechentums, richtunggebend Stellung zu beziehen. Das neue Zeitalter verlangte nach Orientierung. F. Nietzsche aber verzehrte sich zudem  auch mit Leidenschaft um die Sorge des neuen Menschenbildes. Ich denke, damit hat er  sich   bei den nachfolgenden Generationen - zumindest der schreibenden Zunft - verdient gemacht. Dem einsam schaffenden Autor kann er  mit dem Fundes an Wissen ganz gewiß als Vorbild gelten.