Die Matrone Ephesus

 

 

Leamedos: Dramatos, endlich! Dich zu finden hier, heißt eine Stecknadel im Heuschober suchen.

Dramatos: Nun ja, man verläuft sich in der weiten Öde schnell. Aber sag' Leamedos, außer Atem bist du. Wer schickt dich? Kommst du mir mit neuer Order etwa? Gibt es Mißtrauen unten in der Stadt wider mich?

Leamedos: Ach, in der Vorstandssitzung traf mich das Los, dich mit neuer Nachricht aufzusuchen. Sag, warum stehst du hier gerüstet?

 

Dramatos: Welcher Nachricht, sprich? Weiß man um den Befehl des Magisters, daß ich den Leichnam dort am Kreuze gegen Diebsgesindel bewachen muß. Mit dem Leben garantieren muß ich ihm, daß niemand den Gehängten raubt.

 

Leamedos: Gewiß, gewiß, ich weiß, zur ew'gen Strafe soll sein Fleisch den Geiern vorbehalten sein und ihm nie das Grab zur Ehre werden.

 

Dramatos: Ja nun sag' es schon, hat denn der Magister Grund, mir zu mißtrauen?

 

Leamedos: Aber keineswegs mein Guter, andere Probleme habe ich dir zu künden. Wenn es nur nicht so eilen würde. Selbst den Spektakel der Sportschau versäume ich heute noch und den anschließenden Ball, und ja mein Gott auch den Frisörtermin sollte ich noch einhalten. Du siehst mich verzweifelt ringen um die mir fliehende Zeit. Und nun kommt ein Unheil noch hinzu: Medias starb.

 

Dramatos: Medias tot! Wer kann das fassen!

 

Leamados: Die Stadt trauert um den großen Mann.- Medias starb am Gift der Natter und sein Weib, Teknefa, trauert seit fünf Tagen schon mit aufgelöstem Haar dort hinten in der Gruft, nimmt weder Speis noch Trank zu sich und verwundet sich in ihrem Gram. Entstellt den Körper sich und stirbt gar selber noch. Das arme Weib martert ihre Seele in der finsteren Gruft bei ihrem toten Mann. Ihr muß geholfen werden.

 

Dramatos: Und du kommst ihr Trost zu bringen?

 

Leamados: Mich siehst du in Eile. Guter, deine Hilfe wäre gefragt. Aber da ist noch Teknefas Magd Torinda. Sie klagte heute vor dem Magistrat und verlangt den Vaterschaftstest. Mit deiner Unterschrift möchtest du hier beeiden, ihr nicht beigewohnt zu haben.

 

Dramatos: Gib her, das ist mir kein Problem. O guter Freund, wenn ich dich recht verstehe, willst du heim und ich soll deinen Part in Teknevas Gruft für dich übernehmen.

 

Leamados: Treuer, treuer Freund, ich danke dir. Ich sterbe hier vor Graus. Ich möchte nach Haus, am liebsten mich verkriechen in den Gewölben meines Kellers. Wo findet meine Seele sonst noch ruh', in diesen rücksichtslosen Zeiten. Sinella wird zu Hause meiner warten, die Magd ist fort, der Säugling, ach so süß, so klein und wer sonst noch außer mir leert ihr den Windeleimer.

 

Dramatos: Nun, nun, du übertreibst. Aber sei ohne Sorge, ich übernehme beides. Führe mich zu Media's Gruft.

 

Leamados: Dann komm mit. Ich eile um die wette mit der Dunkelheit, die Stadt noch vor ihr noch zu erreichen. O wie graust es mich an diesem Ort. Behüten mögen dich die Götter.

***

Dramatos: In dieser düstren Gruft soll Medias' Leichnam auf ewig ruhen, Teknefa sich zu Tode trauern dort? Wie spärlich doch das Licht der Fackel leuchtet mir den Weg in diese Höhlung. Wie fast mich Ekel der Verwesung an.

 

Teknefa: Geist, endlich kommst du nun Medias in das Reich der Toten zu begleiten? Doch nimmer laß ich ihn dir jetzt, es sei denn du nimmst uns beide, auf das die Ewigkeit uns eint.

 

Dramatos: Die höchste Tugend, die Götter dem Herzen eines Weibs gewähren, ist die Treue schon, jedoch nach ihrem Willen endet sie am Grab.

 

Teknefa: Welcher der geflügelten Götter ist's, der mich in meinem Elend aufsucht, mir solches zu künden.

Dramatos: Der Bote kommt dich zu erinnern an Gesetz und Pflicht, daß dir das Schicksal auferlegt..

 

Teknefa: Mit auferlegt - zu leben nach Gesetz und nach Pflicht? Das erkläre mir näher.

 

Dramatos: Allein deine Schönheit schon - ein göttliches Geschenk - machst du zunichte hier durch deinen Gram und die Pein an der Seele. Das freut die Götter nicht. Und zu erhalten hast du das Erbe zu Haus, hast es zu mehren. Ohne dich zerfällt es, wie du selbst bald hier in der finsteren Höhle zerfallen wirst. Siehe der Körper allein ist der Hort einer einzigartigen Seele. Verderbe ihn nicht, auf, daß die göttliche Seele zur Freude der Götter reife und reife. Laß Blüten sich öffnen zur Freude aller die dich lieben und deiner benötigen. Nimmer darfst du vor der Zeit vergehen. Dir steht nimmer zu, zu richten über dich.

 

Teknefa: Jüngling, wer bist du, der so zu mir redet?

 

Dramatos: Ich bin gekommen, dich aufzuheben, dich wegzuführen von diesem Ort. Dich zu bewirten mit Speise, zu laben mit Trank, dich ins Leben führen, dir wieder goldene Schönheit zu zeigen, auf das du wieder die Liebe lebst und sie als geschenkte Herrlichkeit der Götter genießest.

 

Teknefa: Göttlicher Jüngling, fünf Tage darbe ich hier mit hartem Entschluß, und du kommst und verdirbst mit wenigen Worten mir die Welt am anderen Ufer, das ich schon schaute, jetzt aber mit Besorgnis und Zweifel bedenke.

 

Dramatos: Wer nicht zweifelt, glaubt alles. Wer zweifelt glaubt mitnichten an die Welt am anderen Ufer. Du aber bist besorgt und zweifelst, dann reich mir leichten Herzens Hand und sage diesem schrecklichen Ort Ade!

 

Teknefa: Jüngling, so sei es, führe mich fort, zu groß sind mir die Zweifel. Geschwächt sind mir die Glieder, das Auge erblindet mir fast vom schwächelden Lichte der rußigen Fackel. Dir will ich genesen.

Dramatos: Vertrau nur, nie trug ich leichtere Last. Draußen habe ich Speise für dich bereit. Wir nehmen ein Bad an der sprudelnden Quelle und lagern uns nahe dem Fels auf flockigen Fellen von Lämmern. Ich werde dich salben, und du schlummerst ohne Sorge. Derweil komme ich meiner Wächterpflicht nach, den Leichnam am Kreuz zu bewachen, damit niemand ihn abnehme und in ein Grab lege.

 

Teknefa: So bist du nicht der, für den ich dich halte?

 

Dramatos: Ich bin Dramatos, ich stehe wie du siehst dem Magister als Wächter zu Diensten. Sonst pflege ich dieses und jenes in Geschäften zu erledigen, halte meinen Bauchladen mit vielerlei brauchbaren Dingen bereit zum Wohle kleiner Leute. Du wirst lachen, bei mir kannst du alles erwerben, sogar - wenn du willst - auch ein Amboß oder ein Bügeleisen.

 

Teknefa: So, so, Tote am Kreuze zu bewachen ist dein Gewerbe.

 

Dramatos: Auch Lebende aus Gruften zu schaffen und vor dem Tode zu bewahren bin ich zu Diensten.

 

Teknefa: Du Lebensretter, du Diener der Seele, dem Wohlgefallen, dem Gaumen wie dem Magen, du bist vielseitig, diene nun meiner dürstenden Seele, komm, komm wärme mich. Die Grufteskälte wohnt immer noch, mir in den Gliedern.

 

Dramatos: O Teknefa, o wie schön uns die Götter lächeln und lassen uns fühlen die angenehme Wärme.

 

Teknefa: Wir werden es noch öfter fühlen. Du Jüngling du, dich sandten die Götter mir im rechten Augenblick. Die Zweifel über das Glück am andern Ufer, sind mir gewaltig erstarkt, erstarkt wie des Felsens Härte hier. Komm', wärme mich, wärme mich wieder und wieder, es ist ein Rausch, den uns Götter gewähren. O diese Gnade es wieder und wieder zu erfahren.

 

Dramatos: Liebste, eben seh' ich rasch nur mal nach dem Toten am Kreuz.

 

Teknefa: Bleibe aber nicht so lange fort mein Engel. -

Dramatos: Teknefa, Liebste, - ich bin außer Atem in der Eil' -

Der tote Räuber ist geraubt. Vom Kreuze genommen. Weh mir, weh mir, was sag' ich dem Magister. Er wird mich hängen, hängen, nageln an das Kreuz. Vorbei ist unser Glück.

 

Teknefa: Dramatos, bitte Liebster sei getrost, der Kopf ist doch zum Denken da - verlier' ihn nicht. Verzweifele nicht, wir haben Medias' Leiche in der kühlen Gruft, die schlagen wir morgen an Räubers Statt ans Kreuz. - Nun komm schon', o wie bedarf ich nur so dringend deiner Nähe.