Blaue Töne heitere Farben

 

Ganz gewiss war er dem Augenblick einer verwirrenden Laune erlegen. Wer anders hatte ihn geheißen, den Zug nach Marseille in Arles zu verlassen. Es war ja auch nur wenig Zeit, sich auf den Bahnsteig zu ergehen. Ja, und da mutete ihn an, er befinde sich in einem Märchen. Die Frühlingsluft so lau und der Himmel so blau. Rundum Anmut und Farben, so faszinierend, in der Tiefe die Seele so anrührend. Und so wandelte er trunken, wie im Traum dahin. Hier, das ließ ihn Marseille vergessen und vergessen, was er in Marseille zu erledigen habe. O, das habe Zeit. Da war kein Zögern, Vincent befand, es sei gut, hier zu bleiben. Da war das Schwärmerische, wie es ihn hob. Noch nirgendwo hatten Visionen ihm so gewinnend umschwärmt, nie Lüste so angeregt. Es ist der rechte Ort, hier Farben in Schwingungen zu bringen, ja unwiderstehlich der Reiz, Kontraste durch angenäherte Farbtöne zum geheimnisvollen Vibrieren, zu bringen. Wie liegt das Gute ihm plötzlich doch so nah.

Der Eifer ließ nicht auf sich warten. Ohne zögern mietete er sich in eine Pension ein. Und es traf sich nicht viel später, ein Atelier im so genannten gelben Haus des Ortes anzumieten. Zunächst aber zog es ihn hinaus in die Natur, neue Eindrücke zu gewinnen, die Gärten in Frühlingsblütenpracht, so unwiderstehlich, so anziehend, gaben der bewegenden Bewunderung nicht Ruh alsbald zu beginnen, Vincente malte Serien. Und in der Folge entstand gar „ Die Brücke von Langglois“.

Schon in den ersten Maitagen macht er sich zu einer mehrtägigen Wanderung nach Saintes-Maries-de, la Mer auf, fand das Leben am Strand hinreizend und entwarf Skizzen, draus dann das berühmt gewordene Gemälde. „Die Fischerboote am Strand von Saints Maries“ entstand. In zehn Monaten schuf Vinzente 187 Gemälde. Eine beachtliche Leistung. Vinzent malte, unermüdlich dem Bruder Theo, in dessen Schuld er sich fühlte, einen Gegenwert für dessen kontinuierliche Zahlungen zu bieten.

Im September erfüllte sich Vincente ein lang gehegter Wunsch, den Traum des Südens, in aufregender Pracht zu erleben. Dem Bruder Theo schreibt er: „Jetzt haben wir hier eine glorreiche, gewaltige Hitze ohne Wind, das ist etwas für mich, eine Sonne, ein Licht, das ich mangels besserer Bezeichnung nur gelb, blasses Schwefelgelb, blasses Zitronengold nennen kann, schön ist das Gelb“.

Darüber hinaus bezog er eine möblierte Wohnung, erfüllte sich den Traum das Atelier des Südens nah und fernen Künstlern anzubieten, Dort sollten sie wohnen und ungehindert arbeiten können. Nachdem Theo die Reiskosten übernahm folgt Paul Gauguin, der Einladung. Zuvor hatte Vinzent mit Joseph Roulin, dem Postboten und dessen Familie Bekanntschaft gemacht. Joseph und Vinzente schätzten einander sehr, sie wurden Freunde des Herzens. Das eine um das andere gemalte Joseph-Porträt verriet Vincents Hingabe an den Mann und dessen große Familie.

In der Folge ist zu vermuten, dass Vincents Gutherzigkeit und diese unerbittlich entwickelte grenzenlose Energie im Grundzug seines Wesens, sich dahingehend ausgebildet hatte, wo die Seele unter Probleme der Gesellschaft litt, und er längst mit Rätsel beschäftig, drunter litt, es nicht ändern zu können.

Paul Gauguin traf ein. Vincente hatte seine Wohnung mit seinen neuesten Schöpfungen ausgestattet. Seine Maltechnik nicht groß bekannt, Bilder eines Autodidakten. die keine Korrekturen erkennen ließen, die außergewöhnliche Helligkeit da draußen wiedergaben. Vincent sah enttäuscht Pauls gering schätzende Blicke, erwarte er doch Anerkennung zu seiner Maltechnik von Paul, der einen zum Kubismus neigende Malstil unter Impressionisten bereits mit Anerkennung präsentierte. Vincent konnte nicht fassen, warum ihm die in der Seele klingenden leuchtenden Farben des Südens misslungen sein sollten: die herrlichen Gegensätze von Rot und Grün, von blau und Orange, von Schwefelgelb und Lila hier dem Auge sichtbar in der Natur den Sinnen zu Freude die Malerei revolutionieren. Es kam zu gegensätzliche Auffassungen mehr und mehr.

Am 23,Dezember des Jahres geriet Paul über Vincent in Sorge, Vincent erschien an dem Morgen nicht zur rechten Zeit zum Frühstück, das war nun gar nicht seine Art. Paul fand ihn dann auch bewusstlos in seinem Blut. Im Krankenhaus in Saint-Remy diagnostizierte man vorsichtig, die Verwundung sei möglicherweise einem epileptischen Anfall zuzuschreiben.

Hier hat – man kann es nicht fassen - van Goghs Traum von goldenen Süden ein abruptes Ende genommen. In der Folge hat ihn das Schicksal eine Bürde zugemutet, wo selbst Experten der Medizin sich vor einem unlösbaren Rätsel gestellt sahen.