Besuch aus Berlin

von

Ernst Schmidt

 

Wenn die „„Berliner“ uns besuchten, war für mich die Welt in Ordnung, was nicht heißen soll, daß sie sonst nicht in Ordnung gewesen wäre. Nur, das i-Tüpfelchen, das kam mit dem Besuch aus Berlin. Das waren dann Tage mit festlichem Gepräge, da lag Musik in der Luft und Sonntagsstaat; schon das allein reichte hin, sich fern des Alltags zu fühlen, ich ging auf Wolken, und dann die Erwartungen, ich bekam das Kribbeln im Bauch!. und immer wieder neue Erlebnisse: Bootsfahrt mit Tante Merle, Kahnfahrt mit Tante Merle, Schwimmen, Stadtbummel, Zoobesuch mit Tante Merle. Es war einfach toll. Nie schien die Sonne so schön, nie war der Garten so bunt, nie die Kirschbaumblüte so prächtig. - welch eine Pracht überall, welche Freude Hand in Hand mit ihr zu lustwandeln durch Feld und Flur, herrlich die blühenden Wiesen. O diese Lust zu wandern durch Wald und Heide!. Tante Merle jubelte: „Sieh den Himmel, Sieh die Wolken, welch ein Prunk..“

Alles strahlte in Herrlichkeit; selbst im Haus die Dielen schienen weißer geschrubbt, die Fenster glänzten prächtiger, schöner drapiert die Gardinen, da war der lange Tisch weiß eingedeckt, das gute Geschirr aufgelegt, funkelnde Gläser, frische Servietten; das Mädchen und die Mutter, beide ein wenig erhitzt, beide einwenig gerötet, beide trugen weiße spitzenbesetzte Schürzchen über Schwarz und hatten wie immer keine Zeit. Sie trugen auf, die Schüsseln dampften. Es war ein Festival, alles duftete köstlich!

Die Berliner, das waren für mich Tante Emmi und der Onkel Theo, prima Leute. Dann mein Kusinchen Elisabeth, und die Tante Merle. Tante Merle war meine jüngste Tante. Onkel Theo, Opa und Papa rauchten nach dem Essen ihre Brasil. Der Duft zog durchs Haus, schwebte schwerfällig blau im einfallenden Licht der Sonne, sie diskutierten über Hitler und Göring.

Ich war Luft, die Herren gerieten in Hitze, sie beachteten mich nicht , sahen mich auch wohl nicht wegen des hitzigen Disputes und des blauen Dunstes. Ich verzog mich zu den Damen, setzte mich nahe der Tante Merle. Elisabeth musterte mich. Elisabeth ist zickig. Das hatte sicherlich auch damit zu tun, daß ihre Mutter, - so oft sie mich erwischte - über meinen Ponnyhaarschnitt strich.

Tante Merle war hübsch, Tante Merle war angenehm. Ich mochte sie.

Tante Merle immer adrett, flott, und elegant. Tante Merle hatte Seele. Ihre Ausstrahlung und zärtliche Zuneigung ohnehin unübertroffen, galten mir weit mehr als das vornehme Getue meiner Kusine, die Zicke. So mag sich erklären, warum ich meiner Tante Merle so sehr zugetan war, der Knabe verehrte eine reife Frau. Wenn Tante Merle lachte, strahlte der Himmel. Wenn sie radelte, radelte ein Engel. Wo sie erschien, wurde es hell. Allem teilte sich ihre Wärme mit. Ich will es mit Matthias Claudias sagen: „Der Frühling ließ sein blaues Band, flattern durch die Lüfte.“ wo sie war nicht war, da fehlte die Herrlichkeit! Sie liebte zarte Farben, schwingende Röcke und trug vorwiegend durchscheinendes Gewebe. Licht und Schatten umschmeichelten sie. Die fraulichen Konturen waren deutlich, verschleierten die Substanzen, das war erregend, weckte Begehrlichkeit. Mich betörte ihr Duft, ihm konnte ich mich hingeben, in ihm träumend versinken. Das war Format, das öffnete mein Herz.

Sie nahm mich bei der Hand und wir lustwandelten durch den Duft blühender Kirschgärten, wir schlenderten über blühende Wiesen und ruhten fernab von Hof und Dorf im würzigen Gras. Unvergessen das anschließende Picknick unter dem lichtblauen Himmel und den weiß segelnden Wolken .

Tantchen ruhte im Gras. Ihr Hut lag wie eine blaue Blüte daneben Ich starrte verzückt auf sie nieder. Sie blinzelte entspannt, schaute den weißen Wolken zu und lauschte dem Frühlingsgeläute ringsum. Sie selbst eine Knospe, zur Blüte bereit.

Mich verlangte, in ihre weißen Arme zu sinken und Sie zog mich nieder in ihren Duft und der Knabenschopf ruhte in ihrem Schoß.

Heute, all die Jahre später habe ich erfahren, daß das hinreißende Erlebnis dieser Stunde sich wiederholt, wenn ich Beethovens Adagio molto e cantabile der Symphonie No. 9, op. 125 dritter Satz, in gleicher Hingebung lausche.

 

Berlin